Der erste Schuss entscheidet. Ob auf dem Ansitz, bei der Nachsuche oder beim Kontrollschuss auf dem Stand – wer präzise und waidgerecht treffen will, muss wissen, wie sich seine Waffe beim sogenannten Cold Bore Shot verhält. Dieser Artikel beleuchtet die physikalischen Grundlagen, erklärt den Unterschied zwischen kaltem und warmem Lauf, zeigt reale Einflüsse auf die Treffpunktlage und gibt praxiserprobte Tipps aus der Jagd- und Schießstandarbeit.

Was ist der Cold Bore Shot?

Der erste Schuss aus kaltem Lauf – mehr als nur Zufall
Der Cold Bore Shot beschreibt den allerersten Schuss aus einer unbenutzten, abgekühlten Waffe. Oft weicht dieser Treffer deutlich von den Folgeschüssen ab – sowohl in Höhe als auch in Seite. Diese Abweichung ist kein Schützenfehler, sondern ein physikalischer Effekt, den nahezu jede Waffen-Munitions-Kombination aufweist.

Beispiel: Ein Jäger mit einer präzise eingeschossenen .308 Win berichtet, dass seine ersten Schüsse im Revier stets 4 cm tief und leicht links liegen – obwohl er am Vortag auf dem Stand ein Loch-in-Loch-Streukreis hatte. Grund: Der erste Schuss wurde aus einem kalten Lauf abgegeben – der klassische Cold Bore Shot.

Ursachen: Temperatur, Laufspannung, Reinigungszustand

Warum der Laufzustand alles verändert
Die Abweichung beim Cold Bore Shot wird durch mehrere Einflussfaktoren verursacht:

  • Temperaturunterschiede zwischen Umgebung und Laufinnerem
  • Metallspannung im Lauf: Durch Temperaturschock (z. B. von warmem Auto in kalte Revierluft) verzieht sich der Lauf minimal
  • Reinigungszustand: Ein frisch entölter oder stark gereinigter Lauf verhält sich anders als ein leicht „eingeschossener“ Lauf mit leichtem Schmierfilm

Beispiel: Bei einer Waffe, die bei -5 °C aus dem Autokofferraum kommt und dann sofort im Revier geschossen wird, kann es zu einer Abweichung des ersten Schusses von bis zu 5 cm kommen – obwohl die Waffe technisch einwandfrei funktioniert.

Cold Bore Shift dokumentieren und verstehen

So findest du heraus, wohin dein erster Schuss geht
Jede Waffen-/Munitions-Kombination hat ihren eigenen Cold Bore Shift. Um diesen sicher zu ermitteln, solltest du folgendes Vorgehen dokumentieren:

  1. Waffe auf 100 m sauber eingeschossen (nach mind. 2 Schuss auf Temperatur)
  2. An mehreren Tagen nacheinander jeweils nur einen einzigen Schuss abgeben – und zwar als allerersten Schuss des Tages
  3. Schießbedingungen notieren (Temperatur, Reinigungszustand, Lagerung)
  4. Schüsse markieren, Streukreis auswerten

Beispiel: Ein Sportschütze protokolliert über 7 Tage den ersten Schuss aus seiner .308-Win-Bergara. Er stellt fest: Bei Umgebungstemperaturen unter 10 °C liegt der erste Schuss tendenziell 3 cm zu tief und 1 cm rechts. Bei >20 °C liegt er fast exakt mittig. Fazit: Bei kaltem Wetter muss er seinen Haltepunkt im Revier bewusst anpassen.

So trainierst du den Cold Bore Shot praxisnah

Reproduzierbarkeit schaffen – auch ohne Standheizung
Ein häufiger Fehler ist das Einschießen mit warmem Lauf und der Glaube, dass diese Treffpunktlage auch im jagdlichen Einsatz gilt. Besser:

  • Nach der Reinigung 2–3 Kontrollschüsse abgeben, um die echte Ausgangslage zu kennen
  • Den Lauf nach Schusspause bewusst abkühlen lassen (mind. 10 Minuten), um realistische Kaltschussbedingungen zu simulieren
  • Regelmäßig „Cold Bore Sessions“ trainieren: d. h. auf dem Stand bewusst nur den ersten Schuss werten

Beispiel: In unseren Schießseminaren dokumentieren wir den ersten Schuss jeder Übungseinheit separat. Viele Teilnehmer stellen fest, dass sie im Kaltschuss tendenziell schlechter treffen – obwohl sie bei Serienfeuer sehr präzise sind. Die Erkenntnis: Der erste Schuss ist der wichtigste – und muss geübt werden.

Cold Bore Shot im jagdlichen Alltag

Verantwortungsvoll handeln, bewusst korrigieren
Sobald du deinen Cold Bore Shift kennst, kannst du bewusst damit umgehen. Zwei Optionen stehen zur Verfügung:

  1. Korrigieren: Du weißt, deine Kugel liegt 4 cm tief → Haltepunkt leicht anpassen
  2. Neutralisieren: Du gibst vor dem Ansitz einen Probeschuss ab – z. B. bei der Kontrollschussmöglichkeit am Revierstand oder vor der Jagd

Beispiel: Ein Drückjagdschütze kennt den Cold Bore Shift seiner Waffe genau. Beim ersten Trieb hält er deshalb 3 cm höher auf den Kamm und trifft das Wild sauber in der Kammer. Ohne dieses Wissen hätte der Schuss knapp unterhalb des Brustkorbs gesessen.

Fazit

Cold Bore Shot – der ehrlichste Schuss des Jägers
Der Cold Bore Shot ist der eine Schuss, der zählt – denn auf der Jagd gibt es meist nur eine einzige Chance. Wer seine Waffe kennt, ihre Abweichung dokumentiert und bewusst trainiert, kann auch den Kaltschuss sicher und waidgerecht setzen. Der erste Schuss ist nicht „ungewöhnlich“ – er ist normal. Die Kunst besteht darin, ihn vorherzusehen.

Passende Produkte (Anzeige)

DIE LHR Büchse von ALPIN PRECISION bei 1MOA GmbH

LHR Büchse von ALPIN PRECISION

DIE LHR Büchse von BERGARA bei 1MOA GmbH

LHR Büchse von BERGARA

Das MINOS Spektiv MD 80 ZR bei 1MOA GmbH

Spektive mit Absehen von MINOX

Der Velum SD exklusiv bei der 1MOA GmbH

VELUM MSD-3