Beitragsbild DJV Schießen

Die jagdliche Schießausbildung steht immer wieder in der Kritik. Mal geht es um verpflichtende Schießnachweise, mal um Treffsicherheitsnachweise, mal um die Frage, ob klassische DJV-Schießdisziplinen noch zeitgemäß sind. Zuletzt wurde in einem Beitrag der PIRSCH die Frage aufgeworfen, ob die Schießdisziplinen des Deutschen Jagdverbandes überhaupt noch zur heutigen Jagdpraxis passen.

Diese Frage ist zunächst berechtigt.

Denn natürlich hat sich Jagd verändert. Wir sprechen heute über Schießkino, Zielstock, Bewegungsjagd, Nachttechnik, Wärmebildtechnik, Fangschuss, Nachsuche, Kurzwaffe, Drückjagdstände, kurze Entscheidungszeiten und ein deutlich gestiegenes Sicherheitsbewusstsein. Die jagdliche Realität ist breiter, technischer und in vielen Bereichen anspruchsvoller geworden.

Aber genau an dieser Stelle beginnt aus meiner Sicht der entscheidende Denkfehler.

Die Frage ist nicht nur, ob einzelne DJV-Disziplinen jede moderne jagdliche Situation abbilden. Die eigentliche Frage lautet: Welche Aufgabe hat die DJV-Schießvorschrift überhaupt?

Die DJV-Schießvorschrift ist kein fertiger Stundenplan

Wer die DJV-Schießvorschrift nur als starres Wettkampfprogramm liest, kann schnell zu dem Schluss kommen: Da fehlt etwas.

Da fehlt der Zielstock. Da fehlt der Schussabbruch. Da fehlt das realistische Kurzwaffentraining auf kurze Distanz. Da fehlt das Arbeiten mit Licht. Da fehlt die Pirschsituation. Da fehlt die moderne Drückjagdpraxis.

Aber das greift zu kurz.

Die DJV-Schießvorschrift ist kein fertiger Stundenplan für jede jagdliche Lage. Sie ist kein Drehbuch für jede Nachsuche, kein kompletter Fangschusslehrgang und keine vollständige taktische Ausbildung für jede denkbare jagdliche Situation.

Sie ist vielmehr ein Rahmen.

Und zwar ein wichtiger.

Sie bildet Ausbildungsschießen, Prüfungsschießen, Übungsschießen, Leistungsschießen und Vergleichsschießen ab. Damit schafft sie eine gemeinsame Grundlage für jagdliches Schießen in Deutschland. Sie gibt Ausbildern, Schießleitern, Standaufsichten, Kreisgruppen, Hegeringen und Wettkampfschützen eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Struktur.

Genau das ist ihre Stärke.

Schießnachweis ist nicht gleich Schießnachweis

In der Diskussion wird häufig nicht sauber getrennt. Es wird von Schießnachweisen, Treffsicherheitsnachweisen, Schießfertigkeitsnachweisen, Leistungsnadeln und Wettkampfschießen gesprochen, als wäre das alles dasselbe.

Ist es aber nicht.

Ein einfacher Schießnachweis dokumentiert zunächst nur: Ich war auf dem Stand und habe geschossen.

Ein Treffsicherheitsnachweis geht einen Schritt weiter. Hier wird ein definierter Trefferbereich verlangt. Es geht also nicht mehr nur um Anwesenheit, sondern um die Frage: Kann ich dort treffen, wo ein jagdlich wirksamer Treffer sitzen muss?

Ein Schießfertigkeitsnachweis verlangt noch mehr. Hier werden konkrete Fertigkeiten abgeprüft: bestimmte Waffenarten, Anschläge, Schusszahlen, Trefferzonen, Zeiten oder bewegte Ziele.

Das Leistungsschießen geht darüber hinaus. Hier wird ein höheres Können nachgewiesen, etwa über Schießnadeln oder definierte Punktzahlen.

Und das Wettkampfschießen ist die Spitze dieser Pyramide. Dort geht es nicht mehr um Mindestanforderungen, sondern um Vergleichbarkeit, Höchstleistung und fairen Wettbewerb.

Wer diese Ebenen nicht trennt, diskutiert zwangsläufig an der Sache vorbei.

  • Ein Wettkampf braucht feste Regeln.
  • Ein Schießnachweis braucht überprüfbare Kriterien.
  • Eine Ausbildung braucht Spielraum.
  • Ein guter Ausbilder braucht Kreativität.

Warum feste Regeln im Wettkampf notwendig sind

Gerade beim Wettkampfschießen ist ein festes Regelwerk unverzichtbar.

Wenn Leistungen miteinander verglichen werden sollen, müssen die Bedingungen gleich sein. Gleiche Scheiben, gleiche Entfernungen, gleiche Abläufe, gleiche Wertung.

Sonst gibt es keinen fairen Vergleich.

Wer also kritisiert, dass die DJV-Schießvorschrift im Wettkampf klare Vorgaben macht, kritisiert im Grunde die Voraussetzung für Wettkampf überhaupt.

Ein Regelwerk muss dort eng sein, wo Vergleichbarkeit hergestellt werden soll. Das ist keine Schwäche. Das ist seine Aufgabe.

Aber Ausbildung ist etwas anderes.

In der Ausbildung geht es nicht darum, sofort alle Schützen unter identischen Bedingungen zu bewerten. In der Ausbildung geht es darum, Menschen besser zu machen.

Und genau hier wird die DJV-Schießvorschrift häufig falsch verstanden.

Die Vorschrift ist ein Fundament – kein Gefängnis

Aus meiner Sicht ist die DJV-Schießvorschrift kein Hindernis für moderne jagdliche Ausbildung.

Sie ist das Fundament, auf dem gute Ausbilder moderne Ausbildung bauen können.

Das ist der zentrale Punkt.

Die Vorschrift zeigt Ziele auf. Sie beschreibt Disziplinen, Sicherheitsregeln, Leistungsnachweise und Vergleichsmöglichkeiten. Sie gibt einen Rahmen vor. Aber sie schreibt nicht jeden einzelnen Ausbildungsschritt auf dem Weg dorthin vor.

Und genau das ist gut so.

Denn Ausbildung lebt von Methodik. Ausbildung lebt vom Aufbau. Ausbildung lebt davon, vom Einfachen zum Schweren zu gehen.

Ein guter Ausbilder kann Zielbilder variieren. Er kann Entfernungen variieren. Er kann Zeitansätze setzen. Er kann Anschläge aufbauen. Er kann Startpositionen verändern. Er kann Schusszahlen anpassen. Er kann Trockenübungen vorschalten. Er kann Fehlerbilder sichtbar machen. Er kann Druck stufenweise erhöhen. Er kann Schussabbruch, Nachladen, Repetieren, Zielwechsel und Entscheidungstraining in die Ausbildung integrieren.

Entscheidend ist: Alles muss sicher, rechtlich zulässig, standkonform und methodisch begründet sein.

Aber nicht alles, was nicht ausdrücklich als Wettkampfdisziplin in der Vorschrift steht, ist deshalb verboten.

Das ist ein wichtiger freiheitlicher Gedanke in der Ausbildung.

Der Ausbilder ist der Schlüssel

In meinen IHK-Schießlehrer-Ausbildungen ist genau das ein zentraler Punkt: Ein Regelwerk ersetzt keinen guten Ausbilder. Aber ein guter Ausbilder kann aus einem guten Regelwerk sehr viel machen.

Ein unkreativer Ausbilder liest eine Vorschrift als Grenze.

Ein guter Ausbilder liest sie als Rahmen.

Ein unsicherer Ausbilder sagt: „Das steht da nicht, also machen wir es nicht.“

Ein handlungssicherer Ausbilder fragt: „Was ist erlaubt? Was ist sicher? Was ist sinnvoll? Und wie bringe ich den Schützen methodisch sauber dorthin?“

Genau darin liegt der Unterschied zwischen bloßem Schießbetrieb und echter Ausbildung.

Wer nur Disziplinen abprüft, bildet nicht automatisch aus. Wer aber die Vorschrift versteht, ihre Ziele erkennt und die Ausbildung methodisch aufbaut, kann daraus eine moderne, abwechslungsreiche und jagdpraktisch wertvolle Ausbildung entwickeln.

Das habe ich nicht erst in der jagdlichen Ausbildung gelernt. Auch in anderen professionellen Ausbildungssystemen war es immer wieder notwendig, bestehende Vorschriften zu kennen, auszureizen und innerhalb des zulässigen Rahmens kreativ zu nutzen.

Nicht gegen die Vorschrift.

Sondern mit der Vorschrift.

Was an der Kritik trotzdem berechtigt ist

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich gibt es berechtigte Kritikpunkte.

Eine Kurzwaffendisziplin auf 25 Meter bildet nicht automatisch die Realität eines Fangschusses ab.

Der Schuss vom Zielstock ist heute jagdlich relevant.

Schießkino und bewegte Ziele haben für Bewegungsjagden eine hohe Bedeutung.

Sicherheitsaspekte wie Fingerdisziplin, Mündungskontrolle, Laden, Entladen, Repetieren und Schussabbruch müssen modern und konsequent ausgebildet werden.

Auch kurze Distanzen, Stress, Licht, Zielwechsel und Entscheidungsdruck gehören in eine zeitgemäße jagdliche Schießausbildung.

Aber daraus folgt nicht, dass die DJV-Schießvorschrift obsolet ist.

Daraus folgt, dass wir zusätzliche Ausbildungsbausteine brauchen.

  • Wir brauchen bessere Ausbilderfortbildung.
  • Wir brauchen moderne Übungskonzepte.
  • Wir brauchen Leitfäden für Kreisgruppen und Hegeringe.
  • Wir brauchen Module für Fangschuss, Zielstock, Schießkino, Drückjagd und sichere Waffenhandhabung.
  • Wir brauchen mehr Mut, vorhandene Spielräume sinnvoll zu nutzen.

Die Modernisierung beginnt nicht allein im Regeltext.

Sie beginnt im Kopf des Ausbilders.

Schießnachweise zeigen, wie unterschiedlich die Anforderungen sind

Ein Blick auf die Schießnachweise in Deutschland zeigt, wie unterschiedlich die Anforderungen bereits heute sind.

In manchen Bundesländern oder Landesforstbetrieben reicht ein dokumentiertes Übungsschießen. In anderen werden konkrete Disziplinen, bewegte Ziele, Mindestschusszahlen oder Leistungsabzeichen verlangt. Berlin, Niedersachsen, das Saarland, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen zeigen jeweils unterschiedliche Modelle. Gleichzeitig setzen Bayern und der Bayerische Jagdverband stärker auf Freiwilligkeit und Treffsicherheit mit jagdpraktischer Ausrichtung, etwa über Wildorganscheiben.

Genau deshalb ist die saubere Begriffstrennung so wichtig.

  • Reden wir über Anwesenheit auf dem Stand?
  • Reden wir über Treffer in einer Zone?
  • Reden wir über jagdliche Fertigkeit?
  • Reden wir über Leistung?
  • Oder reden wir über Wettkampf?

Erst wenn diese Ebenen klar sind, kann man sinnvoll darüber sprechen, was modernisiert werden muss.

Die DJV-Schießvorschrift kann mehr, als viele glauben

Die DJV-Schießvorschrift ist nicht perfekt. Kein Regelwerk ist das.

Aber sie ist auch nicht das Problem.

Sie ist ein Fundament.

Sie schafft Sicherheit, Vergleichbarkeit, Orientierung und eine gemeinsame Struktur. Sie ermöglicht Ausbildung, Übung, Leistungsnachweis und Wettkampf. Sie gibt Ausbildern einen Rahmen, innerhalb dessen sie arbeiten können.

Was sie nicht ersetzt, ist der gute Ausbilder.

Und genau dort müssen wir ansetzen.

Nicht jedes moderne Ausbildungsthema muss sofort als neue DJV-Wettkampfdisziplin formuliert werden. Viel wichtiger ist, dass Ausbilder verstehen, wie sie bestehende Vorschriften nutzen, erweitern, methodisch ausbauen und jagdpraktisch mit Leben füllen können.

Denn moderne Jagdausbildung entsteht nicht dadurch, dass wir jedes Jahr neue Begriffe erfinden.

Sie entsteht dadurch, dass wir Grundlagen ernst nehmen, sicher arbeiten, Spielräume erkennen und Ausbildung als Handwerk verstehen.

Fazit: Nicht die Vorschrift ist das Problem – sondern oft der Umgang damit

Die Frage, ob die DJV-Schießdisziplinen noch zeitgemäß sind, ist berechtigt.

Aber die Antwort darf nicht zu einfach ausfallen.

Ja, jagdliche Schießausbildung muss moderner, praxisnäher und methodisch vielfältiger werden.

Ja, Fangschuss, Zielstock, Schießkino, Bewegungsjagd, Schussabbruch und sichere Waffenhandhabung müssen stärker ausgebildet werden.

Aber nein, daraus folgt nicht, dass die DJV-Schießvorschrift überholt oder wertlos ist.

Sie ist kein Hindernis für moderne jagdliche Ausbildung.

Sie ist das Fundament, auf dem gute Ausbilder moderne Ausbildung bauen können.

Wer sie nur als starres Korsett liest, wird sich eingeengt fühlen.

Wer sie als Rahmen versteht, erkennt Möglichkeiten.

Und genau das ist aus meiner Sicht die eigentliche Aufgabe der nächsten Jahre: Nicht nur über neue Disziplinen reden, sondern bessere Ausbilder befähigen, aus vorhandenen Regelwerken gute, sichere und moderne jagdliche Ausbildung zu machen.

Am Ende geht es nicht um Ringe auf Papier.

Es geht um sichere Waffenhandhabung, waidgerechte Schüsse, Verantwortung gegenüber dem Wild und die Fähigkeit, unter jagdlichen Bedingungen richtig zu handeln.

Quellenbasis und weiterführende Hinweise

Dieser Beitrag bezieht sich auf die DJV-Schießstandordnung und Schießvorschrift in der ab 01. April 2024 geltenden Fassung, auf den PIRSCH-Beitrag „Sind die Schießdisziplinen des DJV noch zeitgemäß?“ von Christian Bender, auf Übersichten zu Schießnachweisen in den Bundesländern, auf die BJV-Initiative zum freiwilligen Treffsicherheitsnachweis sowie auf die eigene Videoanalyse von Michael Gast zum Thema Schießnachweise in Deutschland.

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About the Author: Michael Gast

Michael ist ehemaliger Soldat der spezialisierten Kräfte und freier Autor für Jagd und Outdoor-Magazine, zudem ist er als Schießlehrer bei der Akademie für Jäger und Sportschützen tätig, wo er für die Entwicklung von Schießausbildungskonzepten und die Ausbildung von Schießlehrern zuständig ist.