
95,4 Prozent der befragten Nutzer haben nach Angaben der Jägerschmiede ihre Jägerprüfung 2025 im ersten Versuch bestanden. Eine beeindruckende Zahl. Und eine Zahl, die auf den ersten Blick eine einfache Botschaft zu transportieren scheint: E-Learning funktioniert.
Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Denn eine hohe Bestehensquote wirft mindestens ebenso viele Fragen auf, wie sie beantwortet. Was wurde hier eigentlich gemessen? Die Qualität eines digitalen Lernsystems? Die Motivation der Nutzer? Die Qualität der jeweiligen Jagdschule? Oder am Ende das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Faktoren? Und noch eine Frage ist interessant: Welchen Anteil an einer erfolgreichen Jagdausbildung kann ein digitales Lernangebot überhaupt abdecken? Zeit also, sich die Zahlen etwas genauer anzusehen.
Woran erkennt man eigentlich eine gute Jagdausbildung?
Die Frage klingt zunächst banal. Ist eine gute Jagdausbildung diejenige, die besonders viele Unterrichtsstunden umfasst? Ist ein sechsmonatiger Kurs automatisch besser als ein Kompaktkurs? Oder kommt es vielmehr darauf an, wie tief Inhalte vermittelt werden und was ein angehender Jäger am Ende tatsächlich weiß und kann? Genau diese Diskussion wird rund um die Jagdausbildung immer wieder geführt und wurde zuletzt auch medial neu entfacht. Dabei wird Ausbildungsqualität häufig mit Zeit gleichgesetzt. Je länger ein Kurs dauert, desto gründlicher müsse er zwangsläufig sein. Aber Zeit allein ist ein erstaunlich schlechter Qualitätsindikator.
Man kann drei Stunden einem schlechten Vortrag zuhören und anschließend kaum mehr wissen als zuvor. Umgekehrt kann ein gut strukturierter Lerninhalt innerhalb relativ kurzer Zeit Zusammenhänge vermitteln, die im Gedächtnis bleiben. Entscheidend ist deshalb weniger die Frage, wie viele Stunden jemand irgendwo abgesessen hat. Entscheidend ist, was am Ende davon hängen geblieben ist. Gerade beim theoretischen Teil der Jagdausbildung stellt sich deshalb die Frage, ob die klassische Unterrichtszeit überhaupt der richtige Maßstab ist.
Muss jeder Jagdschüler gleich lange lernen?
Im klassischen Unterricht funktioniert Ausbildung zwangsläufig nach einem gemeinsamen Zeitplan. 20 oder 30 Jagdschüler sitzen gleichzeitig im Unterricht. Vorne steht der Ausbilder. Zwei Stunden Waffenrecht, danach Wildbiologie, am nächsten Abend Jagdrecht.
Für den einen Teilnehmer ist das Tempo genau richtig. Der nächste hat das Thema nach einer halben Stunde verstanden. Ein anderer benötigt dagegen mehrere Wiederholungen. Der Unterricht läuft trotzdem weiter. Digitale Lernangebote lösen dieses starre Zeitmaß zumindest teilweise auf. Der Jagdschüler kann ein Thema wiederholen, ein Video erneut ansehen, Inhalte pausieren, zurückspringen und schwierige Themen häufiger bearbeiten. Ein Kapitel, das bereits verstanden wurde, lässt sich dagegen schneller abschließen.
Das verändert den Maßstab. Nicht mehr jeder muss gleich lange lernen. Jeder kann so lange lernen, bis der Stoff sitzt. Gerade beim theoretischen Wissen ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil.
Der Jägerschmiede-Report als Fallbeispiel
Einen interessanten Einblick liefert der aktuelle Report der Jägerschmiede (Quelle: Jägerschmiede.de). Das Unternehmen hat seine Nutzer über mehrere Jahre hinweg zu ihren Prüfungsergebnissen befragt. Für 2023 gaben 94,7 Prozent der Befragten an, ihre Jägerprüfung im ersten Versuch bestanden zu haben. 2024 waren es 93,2 Prozent und 2025 schließlich 95,4 Prozent. Über die drei Jahrgänge liegen insgesamt 2.843 Rückmeldungen vor. Allein die Größe des Datensatzes macht die Zahlen interessant. Noch interessanter ist, dass sich die Ergebnisse über mehrere Jahre auf einem vergleichbaren Niveau bewegen.
Wichtig ist allerdings die genaue Formulierung: 95,4 Prozent der befragten Nutzer gaben für 2025 an, die Jägerprüfung im ersten Versuch bestanden zu haben. Das ist etwas anderes als die Aussage, dass die Nutzung der Jägerschmiede eine Bestehensquote von 95,4 Prozent verursacht. Dazu später mehr. Zunächst lohnt sich nämlich ein Blick auf einen Teil des Reports, der aus unserer Sicht sogar spannender ist als die reine Bestehensquote.
Vom Frontalunterricht in der rustikalen Kneipe zum Lernen zu Hause
Das Bild des klassischen Jungjägerkurses kennen viele. Ein Unterrichtsraum, das Vereinsheim oder die rustikale Gaststätte. Vorne steht der Ausbilder, hinten sitzen die angehenden Jäger und arbeiten sich gemeinsam durch Wildbiologie, Jagdrecht, Waffen- und Munitionskunde.
Dieses Ausbildungsmodell wird sicherlich nicht verschwinden. Aber unser Lernverhalten hat sich verändert. Homeoffice, digitale Meetings, Online-Fortbildungen, Video-on-Demand und jederzeit verfügbare Informationen sind für viele Menschen längst Alltag. Es liegt deshalb nahe, dass sich dieser gesellschaftliche Wandel auch beim Lernen für die Jägerprüfung bemerkbar macht. Der große Vorteil digitaler Inhalte liegt dabei nicht unbedingt darin, dass sie auf einem Bildschirm stattfinden. Der entscheidende Punkt ist ihre Verfügbarkeit. Ich kann lernen, wenn ich aufnahmefähig bin. Ich kann ein Thema wiederholen. Ich kann zehn Minuten nutzen oder zwei Stunden. Und ich kann selbst entscheiden, bei welchen Inhalten ich mehr Zeit benötige. Aus einem starren Unterrichtsplan wird ein individuelles Lerntempo.
Wie lernen die Nutzer tatsächlich?
Besonders interessant sind deshalb die Angaben der Jägerschmiede dazu, welche Formate von den Nutzern bevorzugt werden. Kurze Videos von etwa fünf bis zehn Minuten gehören zu den beliebtesten Lernformaten. Ebenfalls weit vorne liegen Quiz- und Prüfungsfragen.
Das ist zunächst nicht besonders überraschend. Wer schon einmal versucht hat, sich nach einem langen Arbeitstag durch 90 Minuten Frontalunterricht oder eine Stunde Video zu kämpfen, kennt das Problem. Kurze und klar abgegrenzte Lerneinheiten lassen sich leichter in den Alltag integrieren.
Die Daten deuten außerdem darauf hin, dass ein früher Einstieg in das Lernsystem, ein höherer Kursfortschritt und die Kombination verschiedener Lernmedien mit guten Ergebnissen zusammenhängen. Und genau hier wird der Report über die Jägerschmiede hinaus interessant. Denn möglicherweise sehen wir nicht nur, dass Menschen digital lernen. Wir sehen auch ein Stück weit, wie sie lernen wollen.
Warum Fragenstellen selbst schon Lernen ist
Quiz- und Prüfungsfragen haben dabei eine interessante Besonderheit. Wer einen Text zum dritten Mal liest, kann leicht das Gefühl bekommen, den Inhalt inzwischen zu beherrschen. Das ist allerdings nicht dasselbe wie Wissen tatsächlich abrufen zu können. Eine Frage verändert diesen Prozess. Plötzlich muss die richtige Information aktiv aus dem Gedächtnis hervorgeholt werden. In der Lernpsychologie wird dieser Effekt unter anderem als „Retrieval Practice“ beziehungsweise „Testing Effect“ beschrieben.
Ein Test ist damit nicht nur eine Kontrolle des bereits vorhandenen Wissens. Das Abrufen selbst ist Teil des Lernprozesses. Für die Vorbereitung auf eine Jägerprüfung ist das besonders interessant. Fragen zeigen einerseits, wo Wissenslücken bestehen. Gleichzeitig trainieren sie genau den Prozess, der später in der Prüfung benötigt wird: eine Information ohne Hilfsmittel zuverlässig aus dem Gedächtnis abzurufen. Das erklärt zumindest plausibel, warum gut konzipierte Quiz- und Prüfungsfragen einen wichtigen Bestandteil eines digitalen Lernsystems darstellen können.
Unsere Erfahrungen mit Online-Ausbildung
Auch außerhalb des Deutschen Jagdblogs beschäftigen wir uns intensiv mit digitaler Wissensvermittlung. Bei der Akademie für Jäger und Sportschützen nutzen wir Onlinekurse und digitale Vorbereitung bereits seit längerer Zeit für unterschiedliche Themen.
Die Erfahrungen sind ähnlich.
Gerade bei theoretischen Inhalten bietet das digitale Format einen erheblichen Vorteil: Teilnehmer können schwierige Inhalte beliebig oft wiederholen. Ein Teilnehmer versteht einen Zusammenhang beim ersten Mal. Ein anderer schaut sich denselben Abschnitt ein zweites oder drittes Mal an. Beide erreichen am Ende das gleiche Lernziel – nur eben auf unterschiedlichen Wegen und in unterschiedlicher Zeit. Genau darin liegt aus unserer Sicht eine der großen Stärken von E-Learning. Nicht darin, einen Ausbilder durch einen Bildschirm zu ersetzen. Sondern darin, Lernen individueller zu machen.
E-Learning funktioniert nicht automatisch
Trotzdem wäre es falsch, aus hohen Bestehensquoten den Schluss zu ziehen, dass digitales Lernen automatisch besser funktioniert. Nur weil ein Inhalt digital vermittelt wird, wird daraus noch kein guter Unterricht. Ein schlechtes Video bleibt ein schlechtes Video. Unstrukturierte Unterlagen werden auch auf einer modernen Lernplattform nicht plötzlich didaktisch wertvoll. Und wer einen Onlinekurs kauft, ihn anschließend aber kaum nutzt, wird allein durch den Zugang selbstverständlich nicht mehr wissen.
Der Erfolg hängt weiterhin von zahlreichen Faktoren ab. Inhalte müssen verständlich aufbereitet sein. Der Lernstoff muss strukturiert werden. Wissen muss wiederholt und aktiv abgefragt werden. Und am Ende muss sich der Teilnehmer auch tatsächlich damit beschäftigen. Ein anderes Medium ist kein Erfolgsgarant. Gut aufbereitete digitale Lernunterlagen können den Lernprozess allerdings sehr wirkungsvoll unterstützen.
Was die 95,4 Prozent nicht beweisen
An dieser Stelle muss man den Jägerschmiede-Report auch kritisch betrachten. Die Untersuchung besitzt keine klassische Kontrollgruppe. Wir wissen also nicht, wie dieselben Personen abgeschnitten hätten, wenn sie die Plattform nicht genutzt hätten. Hinzu kommt ein möglicher Selbstselektionseffekt. Menschen, die intensiv mit einem Lernsystem arbeiten und erfolgreich eine Prüfung bestanden haben, könnten eher bereit sein, an einer solchen Befragung teilzunehmen als Nutzer, die einen Kurs kaum genutzt oder ihre Ausbildung abgebrochen haben.
Außerdem hängt das Bestehen der Jägerprüfung keineswegs ausschließlich vom theoretischen Lernen ab. Die Teilnehmer wurden schließlich nicht nur mit der Jägerschmiede ausgebildet. Sie besuchten Jagdschulen, nahmen an praktischer Ausbildung teil, trainierten Waffenhandhabung und Schießen und brachten sehr unterschiedliche Vorerfahrungen und Motivationen mit. Die Gesamtbestehensquote bildet all diese Faktoren gemeinsam ab. Deshalb lässt sich aus den Zahlen nicht seriös die Aussage ableiten, dass die Jägerschmiede die Bestehensquote auf 95,4 Prozent steigert. Dafür müsste man das theoretische Lernen wesentlich stärker isolieren und mit geeigneten Vergleichsgruppen untersuchen.
Andererseits sollte man den theoretischen Anteil der Jägerprüfung auch nicht kleinreden. Wildbiologie, Jagdrecht, Waffen- und Munitionskunde, Wildbrethygiene und zahlreiche weitere Wissensgebiete stellen erhebliche Anforderungen an Jagdschüler. Eine gute theoretische Vorbereitung ist deshalb zweifellos ein wichtiger Teil einer erfolgreichen Prüfung. Der Report liefert also keinen wissenschaftlichen Kausalnachweis. Er liefert aber interessante Daten. Das ist ein Unterschied.
Vielleicht ist Transparenz die wichtigere Nachricht
Möglicherweise ist die spannendste Zahl des gesamten Reports deshalb gar nicht die 95,4.
Interessant ist bereits die Tatsache, dass ein Anbieter versucht, seine Prüfungsergebnisse über mehrere Jahre systematisch zu erfassen und öffentlich zu machen. Denn in der Jagdausbildung wird häufig über Kursdauer, Unterrichtsstunden, Ausbildungsmodelle und den Umfang der vermittelten Inhalte gesprochen. Deutlich seltener geht es darum, welche Ergebnisse am Ende tatsächlich erreicht werden und wie nachhaltig das vermittelte Wissen ist.
Dabei lässt sich Ausbildungsqualität ohnehin kaum an einer einzigen Kennzahl festmachen. Eine hohe Zahl an Unterrichtsstunden sagt noch nichts darüber aus, wie tief Inhalte vermittelt wurden. Eine gute Bestehensquote wiederum zeigt einen Prüfungserfolg, aber noch nicht zwangsläufig, wie viel Wissen Monate später noch vorhanden ist. Auch die Zufriedenheit der Teilnehmer ist wichtig, bildet aber wiederum eine andere Dimension von Qualität ab.
Gerade deshalb ist Transparenz so wertvoll. Sie schafft eine Grundlage, verschiedene Aspekte von Ausbildungsqualität überhaupt miteinander ins Verhältnis zu setzen und sachlich darüber zu diskutieren.
Der Report der Jägerschmiede liefert darauf keine abschließende Antwort – aber er macht einen Bereich sichtbar, über den in der Jagdausbildung bislang vergleichsweise wenig gesprochen wird: die tatsächlichen Ergebnisse der Ausbildung.
Wissen ist nicht Können
Gleichzeitig darf bei aller Begeisterung über digitale Lernmöglichkeiten eine Grenze nicht verwischt werden. Es gibt Dinge, die sich hervorragend theoretisch vermitteln lassen. Und es gibt Fähigkeiten, die nur praktisch erlernt werden können. Motorische Tätigkeiten gehören eindeutig zur zweiten Gruppe. Eine sichere Waffenhandhabung kann man erklären. Man kann sie filmen. Man kann Fehler zeigen und Bewegungsabläufe beschreiben. Beherrschen lernt man sie trotzdem nur mit einer Waffe in der Hand. Beim Schießen gilt das Gleiche. Man kann Abzugskontrolle, Anschlag, Visierbild und Schussabgabe theoretisch erklären. Man kann Videos analysieren und Bewegungsabläufe visualisieren.
Aber die notwendige Motorik entsteht durch praktisches Training. Genau deshalb trennen wir auch bei der Akademie für Jäger und Sportschützen sehr deutlich zwischen Wissensvermittlung und praktischer Ausbildung. Der Grundsatz ist eigentlich sehr einfach:
Wissen lässt sich hervorragend digital vermitteln. Können entsteht durch Tun.
E-Learning ist deshalb kein Ersatz für Jagdausbildung
Vielleicht führt die gesamte Diskussion deshalb in die falsche Richtung, wenn wir E-Learning und klassische Ausbildung gegeneinander ausspielen. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Online- oder Präsenzunterricht grundsätzlich besser ist.
Entscheidend ist vielmehr, welches Medium sich für welchen Ausbildungsinhalt eignet. Theoretisches Wissen lässt sich digital häufig ausgesprochen effizient vermitteln, wiederholen und kontrollieren. Praktische Handlungskompetenz benötigt dagegen Anleitung, Erfahrung, Korrektur und Wiederholung in der Realität. Eine moderne Jagdausbildung kann beide Welten miteinander verbinden.
Der theoretische Stoff wird flexibel und individuell erarbeitet. Präsenzzeit kann dann stärker dort eingesetzt werden, wo ein Ausbilder tatsächlich benötigt wird: bei praktischen Zusammenhängen, Waffenhandhabung, Schießausbildung, Revierpraxis und der Übertragung von Wissen in konkrete Situationen. Damit wird E-Learning nicht zum Ersatz für Ausbildung. Es wird zu einem Werkzeug innerhalb einer Ausbildung.
Was steckt also hinter den 95 Prozent?
Zurück zur Ausgangsfrage. Beweisen die Zahlen der Jägerschmiede, dass ein Onlinekurs für eine Bestehensquote von mehr als 95 Prozent verantwortlich ist?
Nein. Das lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ableiten. Die Zahlen zeigen aber, dass eine große Gruppe von Nutzern digitale Lernangebote intensiv verwendet und gleichzeitig sehr hohe Bestehensquoten berichtet. Mindestens ebenso interessant sind die Hinweise darauf, wie diese Nutzer lernen.
Kurze Lerneinheiten, Wiederholungen, Quizfragen, verschiedene Medien und ein selbstbestimmtes Lerntempo scheinen gut zu dem Lernverhalten vieler heutiger Jagdschüler zu passen. Und vielleicht führt uns genau das zu einer grundsätzlich wichtigeren Erkenntnis. Die Qualität einer Jagdausbildung sollte weniger danach beurteilt werden, wie viele Stunden jemand in einem Unterrichtsraum verbracht hat.
Entscheidend ist, welches Wissen und welche Fähigkeiten am Ende tatsächlich vorhanden sind. Dafür liefern die Daten der Jägerschmiede (hier findet Ihr die Jägerschmiede: https://www.jaegerschmiede.de/) keine abschließende Antwort. Aber sie liefern einen interessanten Anlass, die richtige Frage zu stellen.

















