Titelbild 8.6 BLK

Wer sich heute mit modernen Schalldämpferkonzepten, kurzen Jagdwaffen oder Unterschallmunition beschäftigt, stößt früher oder später auf einen Namen: 8.6 Blackout. Für viele Jäger und Sportschützen wirkt dieses Kaliber zunächst wie eine weitere Neuentwicklung in einem ohnehin schon unübersichtlichen Markt. Zwischen .308 Winchester, .30-06 Springfield, .300 Winchester Magnum und .300 Blackout stellt sich schnell die Frage, ob die Welt tatsächlich noch ein weiteres Kaliber benötigt.

Genau diese Frage haben wir uns ebenfalls gestellt. Je tiefer man jedoch in die Entstehungsgeschichte der 8.6 Blackout eintaucht, desto deutlicher wird, dass dieses Kaliber nicht aus Marketinggründen entstanden ist. Vielmehr steht dahinter der Versuch, ein sehr konkretes Problem zu lösen, das sich aus modernen Waffenkonzepten und den physikalischen Grenzen bestehender Systeme ergibt.

Der Mann hinter der Idee

Die Geschichte der 8.6 Blackout beginnt bei Kevin Brittingham. Vielen Schützen dürfte dieser Name bereits bekannt sein. Brittingham gründete zunächst die Firma Advanced Armament Corporation, kurz AAC, und war maßgeblich daran beteiligt, moderne Schalldämpfersysteme in den USA zu etablieren. Später entstand daraus die Firma Q LLC, die mit Produkten wie der Honey Badger oder der Fix Rifle weltweit Aufmerksamkeit erlangte.

Wer sich mit den Entwicklungen von Q beschäftigt, erkennt schnell ein Muster. Dort wird selten versucht, bestehende Produkte nur geringfügig zu verändern. Stattdessen stellt man grundsätzliche Fragen und entwickelt Systeme von Grund auf neu. Genau so entstand auch die Idee zur 8.6 Blackout.

Die Ausgangsfrage lautete dabei nicht: „Wie entwickeln wir ein neues Kaliber?“ Vielmehr ging es um die Überlegung, wie sich aus einer kurzen, führigen und schallgedämpften Waffe möglichst viel Wirkung erzielen lässt, ohne auf hohe Geschwindigkeiten angewiesen zu sein. Damit war die Richtung vorgegeben.

Der Ursprung liegt in der .308 Winchester

Technisch betrachtet beginnt die Geschichte der 8.6 Blackout bei einem alten Bekannten. Als Grundlage dient die Hülse der .308 Winchester. Diese wurde gekürzt und anschließend auf ein Geschosskaliber von .338 Zoll beziehungsweise 8,6 Millimetern aufgeweitet. Daraus entstand letztlich die Bezeichnung 8.6 Blackout.

Wer beide Patronen nebeneinander betrachtet, erkennt die Verwandtschaft sofort. Die Konstruktion erlaubt die Nutzung bewährter Systeme und Komponenten, verfolgt jedoch einen völlig anderen ballistischen Ansatz. Während die klassische .308 Winchester auf Geschwindigkeit und Reichweite ausgelegt ist, verfolgt die 8.6 Blackout ein anderes Ziel.

Die Entwickler wollten bewusst weg von der immer höheren Geschwindigkeit und stattdessen die Vorteile schwerer Geschosse nutzen.

Warum schwere Geschosse?

Über viele Jahrzehnte wurde die Entwicklung moderner Jagd- und Sportmunition von einem zentralen Gedanken geprägt: Mehr Geschwindigkeit bedeutet eine gestrecktere Flugbahn, höhere Reichweite und vermeintlich bessere Leistung.

Die Entwickler der 8.6 Blackout entschieden sich bewusst für den entgegengesetzten Weg. Statt immer schneller zu werden, sollte das Geschoss schwerer werden.

Während typische Jagdgeschosse der .308 Winchester meist zwischen 150 und 180 Grain liegen, arbeitet die 8.6 Blackout häufig mit Geschossgewichten zwischen 285 und über 350 Grain. Damit bringt ein Geschoss teilweise fast die doppelte Masse auf die Waage.

Natürlich sinkt dadurch die Geschwindigkeit. Gleichzeitig steigt jedoch die Masse erheblich. Genau hier liegt der Gedanke hinter dem Konzept. Wenn Geschwindigkeit reduziert werden muss, um die Schallmauer zu vermeiden, bleibt als Stellgröße vor allem die Geschossmasse übrig. Die Entwickler wollten ein Kaliber schaffen, das trotz geringer Geschwindigkeit ausreichend Leistung für seine vorgesehenen Einsatzbereiche bietet.

Warum überhaupt Unterschall?

An dieser Stelle wird deutlich, warum die 8.6 Blackout überhaupt entwickelt wurde. Moderne Schalldämpfer können den Mündungsknall sehr effektiv reduzieren. Den Überschallknall eines Geschosses können sie jedoch nicht beseitigen.

Wer ein wirklich leises Waffensystem entwickeln möchte, muss deshalb unterhalb der Schallgeschwindigkeit bleiben. Genau darauf wurde die 8.6 Blackout ausgelegt.

Typische Unterschalllaborierungen bewegen sich im Bereich von etwa 300 Metern pro Sekunde. Dadurch entsteht kein Überschallknall und das Gesamtsystem aus Waffe, Munition und Schalldämpfer arbeitet deutlich leiser als klassische Jagdkaliber.

Hier beginnt jedoch die eigentliche Herausforderung. Sinkt die Geschwindigkeit, sinkt normalerweise auch die Energie. Gleichzeitig sollen Funktion, Präzision und Wirkung erhalten bleiben. Die Antwort der Entwickler bestand darin, schwere Geschosse mit einer besonderen Stabilisierung zu kombinieren.

Der ungewöhnliche Drall als Schlüssel

Eines der auffälligsten Merkmale der 8.6 Blackout ist ihr extrem schneller Drall. Während klassische Büchsenläufe häufig Dralllängen von 1:10 oder 1:12 verwenden, arbeitet die 8.6 Blackout teilweise mit einem Drall von 1:3.

Das bedeutet, dass das Geschoss bereits nach drei Zoll Laufweg eine vollständige Umdrehung vollzieht. Dadurch entstehen außergewöhnlich hohe Rotationsgeschwindigkeiten.

Der schnelle Drall dient zunächst dazu, die sehr schweren Geschosse zuverlässig zu stabilisieren. Gleichzeitig wird die Rotationsenergie erheblich erhöht. Genau diese Kombination aus schwerem Geschoss, niedriger Geschwindigkeit und hoher Rotation macht die 8.6 Blackout technisch so interessant und unterscheidet sie deutlich von vielen anderen Unterschallkalibern.

Warum nicht einfach .300 Blackout?

An diesem Punkt stellt sich zwangsläufig die Frage, warum die bereits etablierte .300 Blackout nicht ausreicht. Schließlich wurde auch sie für kurze Läufe und schallgedämpfte Waffen entwickelt.

Tatsächlich verfolgt die 8.6 Blackout jedoch eine andere Zielsetzung. Die Entwickler wollten noch schwerere Geschosse einsetzen, einen größeren Geschossdurchmesser nutzen und gleichzeitig die Vorteile kompakter Waffenplattformen erhalten. Die .300 Blackout erfüllt viele dieser Anforderungen bereits sehr gut, stößt bei extrem schweren Geschossen und bestimmten Anwendungsprofilen jedoch an physikalische Grenzen.

Die 8.6 Blackout wurde deshalb nicht als Ersatz für die .300 Blackout entwickelt, sondern als eigenständige Lösung für ein anderes Anforderungsprofil.

Mehr als nur ein neues Kaliber

Betrachtet man die Entstehungsgeschichte genauer, wird deutlich, dass die 8.6 Blackout nicht aus dem Wunsch entstanden ist, den Markt mit einer weiteren Patrone zu bereichern. Vielmehr war sie das Ergebnis einer konkreten Fragestellung: Wie lässt sich aus einer kurzen, schallgedämpften Waffe möglichst viel Leistung herausholen, ohne auf Überschallgeschwindigkeit angewiesen zu sein?

Ob dieses Konzept in der Praxis tatsächlich hält, was die Theorie verspricht, werden wir in den kommenden Teilen dieser Serie untersuchen. Denn inzwischen ist auch bei uns ein 8.6-Blackout-Lauf für die PEACE OS-1 eingetroffen. Damit beginnt nun die spannende Phase, in der Theorie und Praxis aufeinandertreffen.

Die 8.6 Blackout entstand nicht aus Marketinggründen, sondern aus einem konkreten Anforderungsprofil.

Im nächsten Teil unserer Serie stellen wir unser eigenes 8.6-Blackout-Projekt vor und erklären, warum wir uns für die PEACE OS-1 als Testplattform entschieden haben.

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About the Author: Michael Gast

Michael ist ehemaliger Soldat der spezialisierten Kräfte und freier Autor für Jagd und Outdoor-Magazine, zudem ist er als Schießlehrer bei der Akademie für Jäger und Sportschützen tätig, wo er für die Entwicklung von Schießausbildungskonzepten und die Ausbildung von Schießlehrern zuständig ist.